Samstag, 20. Februar 2010

Von Werkzeugen, Freunden und dem Homo Interneticus

Kürzlich lief auf BBC Two eine ausgezeichnete Sendung über das Internet und seinen Einfluss ("The Virtual Revolution"). Kritiker und Befürworter des Internets hatten beide gleiche Sprechzeit und wurden nie polemisiert. Außerdem schaffte es die Dokumentation ohne die bösen Hacker etc. auszukommen und erreichte ein ausgewogenes, neutral-optimistisches Urteil über das Internet. So was findet man leider selten (und wahr war das Gesagte auch noch!). Behandelt wurden u.A folgende Themen:
  1. 10.000 Facebook Freunde → Was ist ein Freund?
  2. Informationsüberladung
  3. Was ist das Internet? (indirekt angesprochen, nicht so trivial wie es klingt)
  4. Das Internet frisst seine User (und unsere Kinder?)
  5. Fehler des Grundverständnisses der "analogen Generation" am Internet (nur indirekt angesprochen)
  6. Kultur der irrelevanten Wegwerfmasse
Neben der dringenden Empfehlung sich diese Dokumentation anzuschauen (möglicherweise sind einige Selbsterkennungsmomente dabei) , möchte ich hier noch ein paar eigene Gedanken ablegen:

1) Viele Kritisieren den Verlust der Bedeutung einer so genannten Freundschaft auf Seiten wie Facebook. Man denkt: "Wenn man 10.000 Freunde hat, ist das nicht eine Perversion des zwischenmenschlichen Verhaltens?". Dieses Argument, welches häufig von Internetkritikern benutzt wird ist meiner Meinung nach vollkommen haltlos: Kommunizieren wir den mit all den Tausenden regelmäßig? Nein, wir kennen die meisten nicht einmal! Hier wird etwas von oben herab als Freundschaft definiert, was gar keine sein kann. Das Merkmal einer Internetfreundschaft ist nicht die Bezeichnung, sondern die Menge an Kommunikation, die zwischen den Partnern herrscht. So kam auch heraus, dass in Facebook nur fünf bis sechs aktive Freundschaften bestehen. den Rest kann man durchaus als "soziale Ablagerungen" bezeichnen.

2) Es wurde auch aufgezeigt, wie viele den Umgang mit der Informationsflut bemängeln: Ein Springen von Seite zu Seite mit kurzem Überfliegen von Inhalten soll das Verinnerlichen von Wissen hemmen. Wer weiß, dass jede Information sofort aufrufbar ist, will nicht mehr langwierig und augenscheinlich umständlich in Büchern lesen. Hier haben die Kritiker recht, denn wer ein langes Buch durchliest, beschäftigt sich länger mit dem Stoff als ein Springer und hängt dann gewissermaßen vom Netz ab. Wenn in so einer Gesellschaft plötzlich zensiert wird, kommt dies einer teilweisen Hirnamputation gleich. Hier behaupte ich, dass das Internet wirklich eine Gefahr aufweist, sofern man durch falschen Umgang völlig abhängig wird.

3) Apropos falscher Umgang, der Film behandelt auch die Internetsucht und Vereinsamung vor dem Rechner. Viele sind der Ansicht, dass das Werkzeug Internet nur Gutes bringen darf, nicht etwa Sucht, Kriminalität und diverse andere Gefahren, gerade für Jugendliche, weshalb das Internet dringen eingeschränkt werden muss. Was wiederum übersehen wird ist der Begriff Werkzeug: Wie ein Hammer, ein Auto oder eine andere Maschine ist das Internet nur ein Instrument des Menschen für den Menschen Informationen auszutauschen. Genauso ist es Aufgabe eines Hammers Kraft auf ein anderes Objekt auszuüben. Ob dieses Objekt ein Nagel oder ein Schädel ist liegt am Anwender. Ebenso liegt es am Anwender was er in das Netz stellt, was er herausholt und wen er heranlässt (→Kinder). Wenn das Internet also doch schlussendlich "böse" wäre, so hätten wir es so gemacht. Es kann nur ein Spiegel unserer selbst sein [Anmerkung: großspurige Formulierung für einen großen Verständnisfehler]. Ein zusätzlicher Angstfaktor im Internet ist zum einen seine Ungreifbarkeit und Immateriallität und der von der Menge unverstandene Computer, der für den Laien nicht kontrollierbar scheint.

4) Der Vereinsamung der Kinder vor dem Computer und im Internet stelle ich die Fragen gegenüber: Warum bietet das Netz Kindern ein besseres Leben als das Reallife? Wird ihnen nichts besseres geboten? Ist man im Internet wirklich einsamer? Warum schiebt man die Schuld des Verkommens am Netz auf dieses selber und nicht auf das Versagen der Erziehenden?

5) Diesen Punkt habe ich weitgehend bereits erörtert. Die "Analogen" haben Angst vor dem unbeherrschbaren Computer und können aus ihrem linearen, auf eine Sache fixierten Denken kein Verständnis für die von Information zu Information hüpfende, weniger konzentrierte Gesellschaft entwickeln. Allerdings ist ihr Buchdenken nicht als obsolet abzustempeln, es ist eben ein anderer, älterer Denkansatz, der in anderen Umgebungen besser funktioniert als Hyperlinkdenken.

6) Einige Sprecher (Kritiker) im Film kritisierten, dass der größte Teil des Inhalts im Internet unbeständig und sich ständig ändernd sei. Es bestünde eine regelrechte "Informationswegwerfgesellschaft". Was ist daran schlecht? Wir haben ein Werkzeug um fast unbegrenzt viel dynamische Informationen zu übertragen, was genutzt werden will. Wer statische Infos braucht, soll ein Buch bemühen.

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Sehr interessanter und nicht nur inhaltlich, sondern auch sprachlich guter Artikel. Gefällt mir gut. Werde mir die Sendung auch mal antun...

Nur zum Thema "Freunde": Eigentlich hätte man lieber den Begriff "Verbindung" wählen sollen, denn der Freund-Begriff passt wirklich nicht. In meiner Facebook-Freundesliste steht quasi jeder, mit dem ich mal ein paar Worte gewechselt habe und der Facebook hat - und sofern dieser mit der gleichen Intention andere Leute zu seiner Liste hinzufügt.